Die Lyrikerin begann als Poetry-Slammerin und leitet das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia in Bamberg
Ein
"Geschäft der reizvollen Lügen und Gespinste" nennt Nora Gomringer das
Feld der Literatur am Sonntagnachmittag. Soeben hat sie mit ihrem Text
Recherche, der Darstellung eines "Gottesteilchens" (Juri Steiner) auf
der Suche nach den Beweggründen eines jugendlichen Selbstmörders, den
39. Bachmannpreis gewonnen. "Wir müssen wahre Worte finden", heißt es
bei der Namenspatronin des Wettlesens. Das hat die dunkel Gelockte ihrem
Eingangsstatement zum Trotz eindeutig geschafft.
Nicht so klar,
doch eigentlich egal ist, für welches Land sie das getan hat. Denn sich
selbst bezeichnet die 1980 in Neunkirchen an der Saar Geborene als
Schweizerin und Deutsche. Aufgewachsen jedenfalls ist sie mit sieben
Brüdern. Vielleicht liegt darin ein Grund für den starken Drang, sich zu
artikulieren: "Sie rezitiert, schreibt und liest preisgekrönt vor",
liest man auf ihrer Homepage.
Angefangen hat die Tochter des
Begründers der konkreten Poesie, Eugen Gomringer, aber als
Poetry-Slammerin, ehe sie sich vor zehn Jahren auf die Organisation von
Slams verlegte und ihre schreiberische Tätigkeit forcierte. Fünf
Lyrikbände und eine Essaysammlung hat sie seit 2000 herausgebracht,
daneben Texte für Radio und Feuilleton verfasst. Ausgangspunkt für all
diese Arbeiten ("Ich arbeite schnell und kann Kraft auf Momente hin
bündeln") ist ein seit 15 Jahren von ihr angehäuftes "kleines Magazin an
Bizarrem und Schönem".
Zahlreiche Preise hat das dem PEN-Mitglied
bisher eingebracht, auch Stellen als Poetikdozentin in Landau,
Sheffield und Kiel. Die Beendigung einer 2007 begonnenen Dissertation
steht angesichts ihrer Arbeit an Lyrikfilmen, Musik- und Wort-Programmen
sowie der 2010 übernommenen Leitung des Internationalen Künstlerhauses
Villa Concordia in Bamberg, wo sie heute lebt und von wo aus sie nach
Klagenfurt angereist ist, allerdings noch aus.
Wie einen
"Germanistenporno" hat die leidenschaftliche Cineastin den "irren
Wettbewerb" bisher über die Medien verfolgt. Zu seiner Darstellerin
gemacht hat sie schließlich Neojurorin Sandra Kegel. 2010 hatte Kegel
sie bei einem Auftritt in Reykjavík entdeckt, nun hätte sie plötzlich
bei ihr angerufen und nach einem Text gefragt. Der war – im zweiten
Anlauf – kurz vor Ostern fertig. Der Rest ist TddL-Geschichte.
"De
facto hab ich ein paar Menschen überzeugt mit einem Text und ein paar
andere nicht", erklärt sie sich ihren Sieg. Sehr einfach. Und sehr
sympathisch. (Michael Wurmitzer, 5. 7. 2015)