Montag, 7. März 2011

Thomas Glavinic: "Lisa"

Es gibt bekanntlich verschiedene Arten von Büchern. Es gibt gute und schlechte, spannende und langweilige. Und es gibt interessante Mischformen. Auch schlechte Bücher können beispielsweise spannend geschrieben sein, ohne dass es sich dabei unbedingt um „gute“ Literatur handelt. Thomas Glavinic wird gewissermaßen als Meister dieses Fachs verehrt. Seiner zweifellos gediegenen Unterhaltungsliteratur kann man durchaus zugestehen, an ihren künstlerischen Nutzen zu glauben und so etwas wie gesellschaftskritische Relevanz zu versprühen. Ähnlich wie Mc Donald´s produziert er zwar nicht unbedint etwas besonderes, was er auch weiß; aber gleichzeitig ist er überzeugt davon, das einzig Besondere unserer Zeit zu produzieren, nicht nur weil er die Vergangenheit, sondern auch und vor allem die Gegenwart sehr gut kennt. Er weiß, was gute Literatur ist, doch er weiß auch, was er seinen Zeitgenossen zumuten darf. Etwas, das selbst den anspruchsvollsten unter ihnen gelegentlich schmeckt, weil es eine vergängliche Qualität hat.
Nun aber ist „Lisa“ erschienen, Thomas Glavinics neuer Wurf, und der Autor hat damit, man muss es so sagen, einen bedenklichen Tiefpunkt erreicht. Um noch einmal den Vergleich zu bemühen, dieses Buch ist billiges Fastfood, will das aber nicht mehr kaschieren oder irgendwie aufwerten. Es beansprucht nichts anderes, als Ware auf großen Tischen in großen Buchhandlungen zu sein, vorm Zahlen noch schnell in die Tasche gesteckt, wie verbilligte Orangen.
Das Setting ist typisch Glavinic, was an sich nichts schlechtes bedeutete. Wieder geht es um einen noch relativ jungen Mann, der in eine kafkaeske (das soll bitte kein Vergleich sein!) Situation geraten ist. Diesmal hat sich der Ich-Erzähler gemeinsam mit seinem Sohn in ein verlassenes Haus in die Berge geflüchtet. Mittels Webradio hält er Kontakt zur Außenwelt und erzählt in seinen Sendungen nach und nach, was ihn hierher getrieben hat. Es ist die Angst vor einer Massenmörderin, die seit Jahrzehnten ihr Unwesen treibt, ihre Opfer auf grausamste Weise tötet und von der die Polizei nur die DNA kennt. Weshalb der Erzähler auch weiß, dass diese Person, die er „Lisa“ nennt, in seine Wohnung eingebrochen hat. Daher die Flucht, daher sein Verstecken.
So weit, so (mäßig) interessant. Jedenfalls eine Herausforderung. Da die Handlung alleine aus den Radiosendungen des Erzählers besteht, muss der auch wirklich und unmittelbar etwas zu erzählen, eine interessante Geschichte haben, muss in irgendeiner Weise relevant sein. Davon aber ist der Erzähler von „Lisa“, eine Karikatur des bisherigen Glavinic-Personals, weit entfernt. Wenn er auf 204 mühsamen Seiten in das World Wide Web hinaus schimpft (und nebenbei die Geschichte von „Lisa“ erzählt, gelegentlich nach seinem schlafenden Sohn, zu dem sich ansonsten keine nachfühlbare Beziehung andeutet, schaut, in erster Linie aber kokst und säuft), macht er seinem Ärger über all das Luft, worüber man sich einigen kann, wenn man sich gerade den Kopf angeschlagen hat. All das, was irgendwie nervig ist, zumindest für den Mittelstand, eben für jenes Publikum, das sich dieses Buch von den großen Tischen in großen Buchhandlungen in die Tasche stecken wird: Hunde, wenn es nicht die eigenen sind, Kinder, wenn es nicht die eigenen sind, Länder, wenn es nicht das eigene ist, Wertvorstellungen, wenn es nicht die eigenen sind. Wenn Thomas Glavinic durch den Erzähler über „Standard“-Poster, Esoterikerinnen, Landmenschen, Emanzen, FPÖ-Wähler, Islamisten und vieles mehr herzieht, dabei recht frauenfeindlich ist und seine eigene Männlichkeit nur allzu oft betont, dennoch immer unsicher ist, ob er nicht wie ein „Nazi“ klinge, dann entsteht keine Parodie auf den selbstgerechten, heuchlerischen, snobistischen Durchschnittsbürger, der seine feine Existenz durch eine undurchschaubare Macht bedroht sieht; sondern eine hanebüchene Geschichte (am Ende stellt sich heraus, huhu, dass die DNA von „Lisa“ darauf verweist, dass diese schon – jetzt kommt´s – zweihunderttausend Jahre alt ist, so steht es auf Seite 203!), die durch viel, zum Teil ärgerlichen Lärm aufgefüllt wird.
Es gibt nur zwei mögliche Gründe für dieses Buch: entweder braucht Thomas Glavinic Geld, wofür spricht, dass er seinen Erzähler ohne einsichtigen Grund zum deutsch-österreichischen Doppelstaatsbürger macht und nicht nur über die FPÖ, sondern auch auf die CSU schimpft (ein Schelm, wer denkt, er biedere sich an). Oder es handelt sich hierbei um den ersten Band seiner Tagebücher, dann wäre „Lisa“ vielleicht spannender zu lesen, würde aber nicht unbedingt auf einen sympathischen Zeitgenossen schließen lassen. Und nachdem man von Thomas Glavinic weiß, dass er sich für eine Schule frei von religiösen Symbolen einsetzt und auch der Erzähler von „Lisa“ diesen Standpunkt vertritt (vielleicht ließe sich das als „Werbekosten“ von der Steuer absetzen?), haben die beiden ja womöglich ohnedies einiges miteinander zu tun.
Aber das ist nicht relevant. Relevant ist die Geschichte, und die ist es eben nicht. Im Schimpfen bleibt Thomas Bernhard unerreicht. Wenn man will, soll man Thomas Glavinic ruhig lesen, der Autor hat es verdient. Aber bitte nicht dieses ambitionslose Buch.

Thomas Glavinic
"Lisa"
Roman
204 Seiten
Hanser

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